Anziehen ohne Vorurteile

Während meiner rebellischen Teenagerjahre, in denen ich weite, zerrissene Jeans und schwarz-weiß gestreifte Armstulpen trug, pfiff ich auf Moderegeln. Einige Jahre später aber, da war ich etwa 17, klammerte ich mich an sie, als wären sie in der drögen Stadt das Einzige, dass mir einen Zugang zur aufregenden Modewelt verschaffte. Ich stand vor dem Kleiderschrank und sprach die Regeln, die ich in Magazinen, die man mit 17 nun einmal so liest, gelernt hatte, wie Mantren vor mir her.

Fortan verzichtete ich auf die Kombination von Schwarz und Braun, steckte T-Shirts brav in ausgestellte Hosen oder Röcke und war mir sicher, auf dem Weg zu einem Menschen mit gutem Stil zu sein. Immerhin waren sie doch recht einfach einzuhalten, diese Richtlinien, und da sie in jeder Ausgabe wiederholt wurden, mussten sie ja stimmen. Jahrelang stopfte ich also weite Oberteile in meine Hosen oder besser noch, wählte eine enge Variante. Ich entwickelte regelrecht Vorurteile gegen eine Weit-weit-Kombination, tat diese als stillos ab.

Irgendwann aber kommt ja doch alles anders, als man es sich vorgenommen hat und so stand ich auch diese Woche vor meinem Kleiderschrank, gehüllt in einen blumigen Rock und ein weites Spitzenoberteil, das tatsächlich einfach so an mir herunterfiel. Zugegeben, bevor ich aus dem Haus spazierte, versuchte ich, die Bluse in den dünnen Rock zu stecken. Das gab dann aber reichlich unschöne Ringe, sodass ich aufgab und bei einem Blick auf die Uhr feststellte, dass ich jetzt ohnehin keine Zeit mehr hatte, mich erneut umzuziehen.

Mein erstes weit-auf-weit Outfit seit meinem 15. Lebensjahr war also eher von ungeplanter Natur, was letztlich wohl von Vorteil war. Andernfalls hätte ich mich in einen gewohnten Look geschmissen und nie erfahren, wie außerordentlich bequem die Kombination ist und dass ich ab sofort bitte nie wieder ohne möchte. Haley Nahman nannte dieses Phänomen auf Man Repeller “Therapy Clothes”, Kleidung eben, in der man sich besonders wohl fühlt. Und weil “Therapy Clothes” nach dem einzigen Stil klingen, mit dem ich mich für immer identifizieren kann (und möchte), habe ich gleich am nächsten Tag ein weiteres Outfit dieser Art getragen: Zur weiten Hose gab es einen übergroßen Leinenblazer und das Wissen, die nächsten Stunden ohne Herumzupfen oder den Wunsch, das Outfit doch bitte schnellstmöglich wieder zu wechseln, zu überstehen.

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Outfit 1: H&M Rock, Edited Bluse, Zara Schuhe, Mango Tasche;

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Outfit 2: H&M Anzug, Asos Tasche;


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