Als mich der Berliner Sommer zweifeln ließ

Ich hätte keinen besseren Zeitpunkt erwischen können, als den Berliner Sommer, hatten mir in den vergangenen Monaten so viele versichert. Die Menschen seien dann irgendwie glücklicher. Tatsächlich schien das Leben von Juni bis August draußen auf den verdorrten Grünflächen zwischen gepflasterten Straßen stattzufinden. Mich hingegen holte ein Stückchen Realität ein, die an meiner verträumten Ansicht der Großstadt rüttelte.

Dass Berliner während des Winters von Stimmungstiefs erzählen und das Haus ganz gerne auch mal nicht verlassen, ist mir vergangenes Jahr bereits aufgefallen. Auch mir war der eisige Wind, der, ganz wie es immer heißt, bis in die Knochen zieht, zu wider. Das Grau des Himmels schien mit dem der Häuser zu verschmelzen und manchmal gar nicht mehr zu verschwinden. Ich freute mich also auf die Sommermonate, die ich wegen eines Praktikums wieder in Berlin verbringen würde, erhoffte mir lange Abende mit billigen Pappbechern und süßlichem Wein. Natürlich verliefen meine Wochen völlig anders, meist ohne Wein und sommerliche Melancholie. Stattdessen verbrachte ich den Großteil meiner Zeit in einem kleinen Büro. Gedanklich verfluchte ich einen Teil der Modebranche erneut und entschloss mich schließlich dazu, meinen restlichen Sommer ganz und gar der Stadt zu widmen. Schließlich, so versicherte man mir erneut, solle sie im Licht der Sonne ja so schön sein.

Das grelle Licht gab mir jedoch erst den Blick auf all das frei, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war. Vielleicht hatte ich es auch verdrängt, denn wer denkt schon gerne an Straßen, die oftmals tatsächlich so dreckig sind, wie viele sagen? Oder an beißenden Uringestank, der in der Hitze der Sonne noch stärker zu sein scheint, als zu kühleren Zeiten. Während die Menschen um mich herum nun also den Sommer, der immerhin bis zu 37° brachte, zelebrierten, machte sich in mir ein eigenartiges Gefühl breit. Ich begann innerlich über Gestank und Müll zu meckern, wischte mir den laufenden Schweiß in der vollkommen überhitzten U-bahn vergeblich von der Stirn und hielt mein Gesicht gen offenen Fensterspalt. Gleichzeitig fühlte ich mich wie ein Betrüger, den das schlechte Gewissen mit jedem negativen Gedanken einholt.

Immerhin hatte ich die Hauptstadt, in der ich mich doch immer so wohl fühlte, stets mit Protest verteidigt, wie eine neue Beziehung, vor der dir alle abraten. Sicher hatte auch ich, irgendwo tief in mir, bereits gewusst, dass es hier sehr wohl dreckig ist und häufig ein Schleier des schlechten Geruchs über den Straßen liegt. Nicht überall, aber immerhin ließ es sich nicht verleugnen. Diesen Sommer also musste auch ich es gestehen, anderen, vor allem aber mir selbst. Und dennoch halte ich daran fest, Berlin wie einen unvollkommenen Partner zu verteidigen. Vielleicht etwas leiser als zuvor, aber nicht weniger überzeugt.

Es mag wohl daran liegen, dass diese Stadt wirklich einen Platz für jeden bereithält, insbesondere jedoch für Träumer, die sich der Realität noch nicht geschlagen geben wollen. Mit großen Plänen im Kopf ziehen sie in die Stadt, sind sich sicher, dass es irgendwie schon noch klappen wird. Eine Gegend voller Künstler jeglicher Art ist letztlich nun aber auch etwas, das weniger glamourös ist, als es klingen mag. Viele Projekte scheitern, das große Geld verdienen die wenigsten. Und doch habe ich wohl keinen anderen Ort gesehen, der die Hoffnung auch in mir so aufkeimen und mich an meinen Träumen festhalten und arbeiten lässt. Was macht da schon ein wenig Dreck auf den Straßen?


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