Warum das Fischerhut-Revival eine Debatte über mein Selbstbewusstsein auslöste

Die Debatte fand natürlich in meinem Kopf statt. Weil ich niemandem erzählen wollte, was so ein dämlicher Fischerhut in mir auslösen kann. Wozu er fähig ist, obwohl er doch eigentlich nur ein Hut ist, der es irgendwie aus den Tiefen der 90er und der Anglerszene wieder in die Regale cooler Modemarken wie Acne geschafft hat. Oder ist es kein Hut, sondern eine Mütze? Da fängt es ja schon an, ich weiß nicht einmal, welches Kleidungsstück genau es ist. Und trotzdem beschäftigt es mich seit einigen Wochen in regelmäßigen Abständen, in denen ich genügend Zeit aufbringen kann, mich im Online-Modekosmos herumzutreiben.

Bis vor einigen Monaten hatte ich ihn verdrängt und mit ihm auch die Momente meiner Teenagerjahre, in denen ich nichts von Mode wusste und noch weniger davon, dass man wahrlich nicht jeden Trend mitmachen muss. Anders jedoch als vor der Miss Sixty Hose mit keckem Reißverschluss am Gesäß, rettete mein Vater mich nicht vor meiner stolzesten Errungenschaft: Dem Fischerhut. Er war dunkelblau und auf der Krempe verliefen gräuliche Nähte. An der kroatischen Küste fand ich mich damit mindestens genauso cool wie meine Idole, die ich in Form von Bravo-Postern an meine Zimmerwand geklebt hatte. Die jungen Männer, die bereits um 11 Uhr früh das dritte Bier leerten und ganz nebenbei allesamt sehr ähnliche Hüte trugen, nahm ich gar nicht wahr. Der Fischerhut war nun kein Symbol von Trägheit und betrunkenen Fußballfans mehr, sondern eines meiner modischen Rebellion − zumindest für diesen Moment, denn lange bleiben modische Symbole nie im Leben eines Teenagers.

Es ist also nicht so, dass ich noch nie in Berührung mit “Bucket hats”, wie sie heute genannt werden, um das uncoole Image abzuschütteln, kam. Und trotz meiner kurzweiligen Liebe zu ihnen, war ich froh, als sie ihren Weg zurück zu ihren ursprünglichen Trägern fanden. Ich schloss das Kapitel zufrieden ab und setzte mir bis zur Ära der Filzhüte im Jahr 2014 erstmal nichts mehr auf den Kopf. So plötzlich hatte ich sie also tatsächlich nicht mehr zurück in meinem Leben erwartet und tat, was ich immer tue, wenn ich mir ein Mode-Tabu auferlege: ich brach es.

Natürlich nicht bewusst, es passierte ganz schleichend und von alleine. Meist schaute ich mir einfach nur eine Reihe von fantastischen Streetstyle-Fotos diverser skandinavischer Modenschauen an, denn da erst zeigt sich der Fischerhut in all seiner Pracht. Zum Anzug, zum wallenden Rüschenkleid und glitzernden Midi-Röcken. Aber ja doch, ich verbrachte halbe Tage und Nächte auf Webseiten, um die perfekte Mütze ausfindig zu machen, malte mir meine ganz eigene Version des skandinavischen Looks aus und tauschte mit meinem Teenager-Ich ein paar saftige High Fives aus.

Irgendwie habe ich einen Sale-Fund ganz in Weiß und übergroß ausfindig machen können. Als ich das dünne, schmale Päckchen bereits auf dem Weg zur Wohnung auspackte, hüpfte mein Herz ein bisschen so wie damals am Strand. Vor dem Spiegel angekommen, setzte ich also den Fischerhut auf, in Gedanken hatte ich ihn bestimmt zehn Mal mit all meinen Kleidungsstücken kombiniert, weshalb ich voller Überzeugung sagen kann: Er löste nicht das Gefühl in mir aus, das ich erwartet hatte. Keineswegs fand ich ihn blöd, doch hatte er so eine riesige Krempe, dass ich mir sicher war, selbst auf den Straßen Berlins angestarrt zu werden. An diesem Gefühl konnten auch meine 20 bereits geplanten Outfits mit Fischermütze nicht mehr rütteln.

In meinem Kopf startete ich an diesem Punkt also jene Debatte mit mir selbst. Darüber, ob es denn nun immer so sein solle mit modischen Wagnissen. Oder noch besser, Entscheidungen aller Art. Über die Angst, verurteilt zu werden und darüber, ob es nicht dringend an der Zeit sei, an mir zu arbeiten − bisher gab es kein Ende, es ist nun einmal eine fortlaufende Diskussion.

Am Abend packte ich den weißen Hut zurück in seine Hülle, klebte den Retourenschein auf den verknitterten Sendungsumschlag. Ich bin mir sicher, wäre mein Selbstbewusstsein nicht allzeit bereit, sich einstampfen zu lassen, würde ich Ende September mit einer Fischermütze an der kroatischen Küste sitzen. Neben mir die jungen Männer, die bereits um 11 Uhr das dritte Bier öffnen, mit ganz ähnlichen Exemplaren auf dem Kopf. Ich würde sie nicht wahrnehmen und den Moment meiner ganz eigenen Rebellion leben − zumindest für diesen Moment, denn modische Symbole bleiben auch heute nie lange.

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“Miranda Hobbes Wearing a Bucket Hat” by Laura Collins. 16 x 20 in. Acrylic on Panel. Image via THNK1994 Museum

The THNK1994 Museum and Every Outfit on SATC  collaborated and auctioned off this painting by Laura Collins to raise money for Cynthia Nixon’s campaign to be New York’s next governor.


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